Zentrum

 

Von Bernhard Kletzenbauer

Nach einer Videoanimation von Michael Lontke
 

„Hey Chefin, ich hab’ Stefan an der Leitung! Er will eine Live-Schaltung haben.“

„Moment, ich komme gleich.“

„Er sagt, es sei wichtig.“

„Sekunde…“

Die Leiterin des Nachrichtensenders unterbrach ihre Tätigkeit und eilte durch den Raum mit den Hunderten von Bildschirmen. Sie stellte sich hinter ihren Mitarbeiter und stützte sich mit den Unterarmen an der hohen Lehne seines Sessels ab.

„…also, was gibt es?“

„Stefan ist auf der STAR. Er faselt irgendwas vom Untergang der Menschheit.“

„Gib mir bitte das Headset, ich will selbst mit ihm reden.“

Der Mitarbeiter stand von seinem Arbeitsplatz auf, und übergab seiner Vorgesetzten das Mikrofon- und Kopfhörerset mit der halbtransparenten Cyberspace-Stereobrille. Die Frau sprach den Reporter am anderen Ende der interstellaren Funkverbindung an:

„Hallo Stefan, hier ist Marleen, was gibt es wichtiges?“

Dabei schaltete sie die Lautsprecher am vor ihr liegenden Mischpult ein, so daß die anderen Leute im Regieraum mithören konnten.

„Oh, du bist es…ähm,
Mann ich…ich muß das unbedingt senden…hier ist Krieg…die BUSSARD wurde von Aliens angegriffen…hier, auf dem zweiten Kanal sende ich die letzten Aufnahmen…das ist die größte Story, die wir je hatten…du mußt mir eine Live-Schaltung geben, ich mache ein Interview mit dem Kommandanten der STAR…“

Währenddessen liefen auf einem zweiten Monitor 2-D-Videoaufnahmen, die den Zerstörer STAR im Gefecht mit 4
Jägern zeigten. Die dreieckigen Jäger wurden alle von dem irdischen Kampfraumschiff zerstört.

„Oh mein Gott…“ murmelte Marleen erschrocken.
„Stefan, was ist mit der BUSSARD und den Siedlern?“

„Die BUSSARD ist schwer beschädigt. Alle Siedler sind wieder an Bord des Landemoduls zurückgekehrt. Ich hörte, wie sie von Verletzten und Toten sprachen. Aber ich bin gleich auf die STAR übergewechselt, um mit dem Kommandanten zu reden. Ich bin jetzt auf der Kommandobrücke…

Gib mir die Live-Schaltung…
Bitte!“

„Also ich weiß nicht…“

„Wir sind die ersten, die das senden. Das Militär wird die Sache sowieso vorerst zurückhalten. Der Kommandant weiß nicht, daß eine überlichtschnelle Richtfunk-Verbindung besteht. Er glaubt, daß ich im Moment nur auf Speicherkristalle aufzeichne.“

„Na gut.“, erwiderte Marleen und nahm einige Schaltungen an dem Mischpult vor. „Ich bereite eine Live-Sendung vor…Schalte endlich den Bildstabilisator an deinem Kamerahelm ein. Von dem Gewackel wird man ja seekrank.“

„Oh,…ja natürlich…Also, während meiner Einleitung aus dem Off laß die übermittelten Aufnahmen von den Kämpfen laufen, dann spreche ich mit Kommandant Michaels. Gib mir Bescheid, wenn ich anfangen kann.“

„In Ordnung.“, antwortete Marleen. „Ich habe die Schaltungen gleich fertig… in 25 Sekunden bist du auf Sendung.“

Der Mitarbeiter, auf dessen Platz Marleen saß, machte mit dem Zeigefinger aufgeregt verneinende Gesten, aber Marleen sah ihn kopfschüttelnd an, und sprach dann wieder zu ihrem Reporter.

„Achtung, noch 13…
9…
6, 5, 4, 3, 2,…los.“

Auf dem Kontrollmonitor beobachteten alle anwesenden Mitarbeiter des Nachrichtensenders die teilweise von Bildstörungen verunzierten Aufnahmen ihres im Weltall befindlichen Kollegen, der momentan vor einer spiegelnden Scheibe stand und sich selbst filmte.
 

*

 

„Hier berichtet Stefan Auer, von Bord der STAR, des Flaggschiffs der irdischen Weltraumflotte.
Heute ist der 21. September 20107.
Die Menschheit steht zur Zeit vor der größten Katastrophe ihrer Geschichte - vielleicht sogar vor dem Untergang.
Unser erster Kontakt zu nichtmenschlichen Intelligenzen war kriegerischer Natur.
Und in dieser Beziehung sind uns die außerirdischen Lebensformen völlig ebenbürtig.

Ich berichtete in den vergangenen Wochen von Bord des Forschungs- und Siedlungsraumschiffs BUSSARD, das vor rund 20 Jahren aus dem Erdorbit startete. Vor 4 Tagen koppelte das Landemodul der BUSSARD ab, und senkte sich auf die Oberfläche einer neuen Welt. Der Planet ähnelt der Erde und hat ebenso eine Stickstoff-Atmosphäre, mit ausreichendem Sauerstoffanteil.
Die Siedler begannen am Landeplatz mit der Errichtung einer Forschungsstation und erkundeten mit den Aufklärungsjägern vom TWISTER-Typ den Planeten.
Aber dieser Planet ist nicht so unbewohnt, wie es zuerst schien. Vor zweieinhalb Stunden wurde das Landemodul und die Station von unbekannten Flugmaschinen angegriffen. Mit einem Notstart wurde das ringförmige Modul wieder in den Weltraum gebracht, um an dem Zylinder der BUSSARD anzudocken. Ein Notruf an die Erde wurde mit Überlichtfunk abgeschickt.
Etwa eine Stunde später wurde die BUSSARD von weltraumtauglichen Kampfmaschinen angegriffen. Die Siedler der BUSSARD nennen sie abfällig MOERBS. Meine Aufnahmen zeigen die letzten Minuten des Angriffs, in denen die rechtzeitig angekommene STAR in den Kampf eingreift und alle Gegner vernichtet.
Die Rettung haben wir Kommandant Michaels und seiner eingespielten Mannschaft zu verdanken. Ich bin im Moment auf der Kommandobrücke der STAR und werde…
Was ist das?...

Das Raumschiff vibriert…
Auf den Überwachungsmonitoren sehe ich erneut gegnerische Raumschiffe angreifen. Es ist ein Verband von 5 kreuzförmigen Jägern, die gleichzeitig auf die STAR gefeuert haben. Eine der schweren Bordkanonen und einer der vorderen Tanks wurde sofort zerstört. Hier sind Detailaufnahmen von den Schäden…

Die übrigen Kanonen der STAR schießen nun zurück. Aber diese Gegner – von den Söldnern JAGS genannt - sind nicht mit einem Schuß zu zerstören, wie die vorherigen Angreifer. Der JAG-Verband teilt sich auf. Nun ist erkennbar, daß es sich um pfeilspitzenförmige…JAAA,
der erste Gegner wurde vom Feuer mehrerer Kanonen der STAR vernichtet.
Doch die gegnerischen Jäger sind wendiger als die STAR. Und…
Oh mein Gott, die BUSSARD wurde vom Planeten aus beschossen und zerbricht inmitten mehrerer Explosionen…

Die STAR wird immer stärker beschädigt und wehrt sich verzweifelt gegen die Angreifer. Eines der hinteren Antriebsmodule mitsamt dem Geschütz wurde vernichtet. Die Soldaten hier in der Kommandobrücke sind hochkonzentriert an ihrer Arbeit…“
 

*

 

Auf der Erde verfolgten die Kollegen Stefans stumm die Szenen, die sie auf dem Übertragungsmonitor sahen. Marleen murmelte: „Das kann ich nicht senden, das kann ich nicht senden…“

„Ich dachte, wir sind live drauf...?“, fragte einer ihrer Mitarbeiter.

„Nein.
Nein, vorerst zeichne ich nur auf. Wenn ich das sende, bricht eine Panik auf der Erde aus. 12 Milliarden Menschen…
Dazu die Forschungsteams auf den Monden des Sonnensystems…
Wir können uns nicht verteidigen oder fliehen.“
 

*

 

Stefan meldete vom Kampfgeschehen: „Wann wird endlich die Verstärkung eintreffen? Die Schwesterschiffe der STAR waren in den Docks im Erd-Orbit, viel weiter entfernt als das Flaggschiff im ringförmigen Außenposten. Aber trotzdem hätten sie schon längst hier sein müssen. Die Kampfhandlungen sind nun fast…
Ein letzter Schusswechsel hat sowohl die Geschütze der STAR, als auch die der Gegner funktionsunfähig gemacht. Die drei übrig gebliebenen, gegnerischen JAGS ziehen sich zu ihrem Trägerschiff zurück, das - ebenfalls schwer beschädigt.- auf die STAR zudriftet.
Die klassische Patt-Situation. Nichts geht mehr. Beide Seiten belauern sich mißtrauisch.
Einer der Soldaten ruft Kommandant Michaels zu sich ans Ortungspult. Da geht irgend etwas seltsames vor. Da taucht noch ein weiteres Raumschiff auf. Oh mein Gott. Das ist mindestens doppelt so groß wie die ehemalige BUSSARD. Mindestens 100 Kilometer Durchmesser.
Alle Raumschiffe schwenken jetzt auf den neuen Gegner ein. Die Kameras aus dem Observatorium der STAR zoomen das Objekt heran. Es ist ringförmig…
Es ist gigantisch…“
 

*

 

Im Regieraum auf der Erde sah man, wie sich das neu eingetroffene, golden glänzende, bizarre Ringraumschiff majestätisch langsam drehte, so daß es bald von der Kante zu sehen war. In der Mitte leuchtete eine bläulichweiße Lichtkugel, wie eine kleine, heiße Sonne.
Dann schoß ein heller Strahl aus dem Riesenraumschiff auf die Gegner der Menschen zu und ließ diese spurlos verschwinden. Der Strahl wanderte weiter zur STAR…
Dann erlosch das Monitorbild.

„Was war das?“
„Was ist los?“
“Das ist doch…“

Marleen schloß die Augen und ließ den Kopf nach vorn sinken. Nach vielen Sekunden, die wie eine Ewigkeit wirkten, murmelte sie: „Es ist vorbei.“
„Die Menschheit hat ihren Meister gefunden.“

Nach einer halben Minute blickte sie auf, und sagte entschlossen: „Wir senden das Material! Die Menschen haben ein Recht darauf, es zu erfahren. Schneidet einen Bericht zusammen und brennt mehrere CDs davon. LA-Studios werden ihn dann synchron mit allen anderen Sendern ausstrahlen. An die Arbeit…
 

*


siehe auch:
die fiktive Homepage in der Kurzgeschichte Feindkontakt